Im Netz der Versuchung: Ist der Amazon Prime-Mindfuck wirklich so schlecht?

Im Netz der Versuchung: Ist der Amazon Prime-Mindfuck wirklich so schlecht?

24. Mai 2020 Aus Von Robert Laubenthal

Im Netz der Versuchung mit Matthew McConaughey und Anne Hathaway gilt einigen als genialer Mindfuck, andere sehen in Steven Knights Werk lediglich einen faden Thriller, dessen großer Twist verpufft. Was stimmt denn jetzt? Wir schauen uns den finanziell gefloppten Film genau an…

Im Sommer 2017 versammelte sich eine illustre Runde kreativer Köpfe auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean für die Dreharbeiten zum Neo-Noir-Thriller bzw. Mindfuck Im Netz der Versuchung (Originaltitel: Serenity).

Mit dabei waren Hauptdarsteller und Oscar-Gewinner Matthew McConaughey (gewann den Goldjungen für Dallas Buyers Club), Hauptdarstellerin und Oscar-Gewinnerin Anne Hathaway (Goldjunge für Les Misérables) und Steven Knight, der Regisseur von No Turning Back mit Tom Hardy aus dem Jahr 2013 und Autor des genialen David Cronenberg-Thrillers Tödliche Versprechen – Eastern Promises.

Box-Office-Bombe

Was kann da schiefgehen? Wie sich herausstellen sollte so einiges. Nicht nur litt der tropische Noir unter einer quasi nicht vorhandenen Marketing-Kampagne des Verleihs Aviron Pictures.

Auch zielte die vorhandene Promo komplett in die falsche Richtung und gab den Film (mitsamt eines großen Twists vor dem dritten Akt) überhaupt nicht korrekt wieder.

Matthew McConaughey Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Das Ergebnis war das schlechteste US-„Opening-Weekend“ ihrer Karriere für die Stars McConaughey und Hathaway. Ja, in den vergangenen Jahren liefen lediglich der sonderbare Monsterfilm Colossal (US-Einspiel von drei Millionen Dollar) für Anne Hathaway und der Goldgräber-Film Gold (US-Einspiel von sieben Millionen Dollar) sowie Harmony Korines famose Stoner-Dada-Komödie Beach Bum (US-Einspiel von 3,5 Millionen Dollar) für Matthew McConaughey schlechter!

Der aufwendig produzierte Mindfuck Im Netz der Versuchung schaffte es letztendlich in Nordamerika auf enttäuschende 8,5 Millionen Dollar an den Kinokassen – bei einem kolportierten Budget von immerhin 25 Millionen!

Anne Hathaway Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Dazu hagelte es noch desaströse Filmkritiken en masse: So steht Im Netz der Versuchung beim Filmkritiken-Aggregator Rotten Tomatoes aktuell bei kümmerlichen 20 Prozent positiver Kritiken.

Die US-amerikanischen Kinozuschauer gaben Steven Knights Werk zudem einen Cinemascore von D+ (aus einer Skala von A bis F analog zu amerikanischen Schulnoten).

So sieht ein Fiasko aus! Aber was ist hier eigentlich genau schiefgelaufen – und ist der durchaus faszinierende und stellenweise originelle Thriller/Mindfuck tatsächlich so miserabel?

Im Netz der Versuchung: Die Handlung

Das größte Problem von Im Netz der Versuchung liegt in einem gewaltigen Twist begründet, der nach etwas über einer Stunde Laufzeit kommt. Denn zuvor – und so wurde Im Netz der Versuchung auch promotet – denkt man Folgendes über den Film:

In Im Netz der Versuchung führt der Irakkriegs-Veteran Baker Dill (Matthew McConaughey) ein abgehalftertes Leben in einem tropischen Insel-Paradies. Fischer Dill ist auf Plymouth Island von Geldproblemen geplagt, führt mit Diane Lanes Figur Constance eine Gigolo-Beziehung, um die eigene Kasse ein wenig aufzubessern, und lässt die Abende mit Unmengen von Alkohol in der örtlichen Spelunke ausklingen.

Matthew McConaughey Jason Clarke Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Baker Dills Haupt-Lebensziel scheint darin zu bestehen, einen Riesen-Thunfisch zu angeln – dem er den grenzdebilen Namen „Gerechtigkeit“ gegeben hat.

Dann taucht Dills ehemalige Geliebte Karen Zariakis (Anne Hathaway) auf Plymouth Island auf und berichtet, dass sie und ihr gemeinsamer Sohn Patrick (Rafael Sayegh) von ihrem neuen Ehemann Frank (Jason Clarke) terrorisiert und missbraucht werden.

Anne Hathaway Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Karen bittet Baker, ihren Ehemann Frank auf hoher See zu ermorden – und bietet ihm dafür die ansehnliche Summe von zehn Millionen Dollar. Baker Dill ringt anschließend mit seinem Gewissen und wägt das Für und Wider des Mordes ab… Bis ein gewaltiger Twist Plymouth Island und Baker Dills gesamte Existenz erschüttert und alles zuvor Gesehene in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt!

Achtung: Ab hier folgen Spoiler zur Handlung und Auflösung von Im Netz der Versuchung!

Im Netz der Versuchung: Die Auflösung

Wer es bis zur 63. Minute des amüsanten Mindfucks schafft, erkennt: Bei Plymouth Island handelt es sich lediglich um ein Computerspiel, das Baker Dills Sohn Patrick programmiert hat.

Dill ist in Wahrheit im Irakkrieg gefallen. Die Version Dills innerhalb der Simulation Plymouth Island ist lediglich eine Computerspielfigur. Baker Dill ist ein Bewusstsein, das aus Informationen in einem Programm entstanden ist.

Die Jagd nach dem Thunfisch „Gerechtigkeit“ war Dills Aufgabe in diesem Spiel, sie war seine „Basis-Programmierung“.

Im Netz der Versuchung: Das Ende

Matthew McConaugheys Baker Dill ist sich nun also bewusst, dass er nicht real ist. Es kommt zu reizvollen Gesprächen mit anderen Inselbewohnern, die abblocken, wenn Dill weiterführende Fragen stellt („Wie lange bin ich hier?“, „Wo liegt Plymouth Island?“).

Jeremy Strong Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Außerdem trifft Dill Jeremy Strongs Anzug-Träger Reid Miller, der direkt aus der Direktion des Spieles kommt und sich auch bewusst ist, dass er innerhalb eines simulierten Universums lebt.

Schließlich ermorden Patrick und Vater Baker im Gleichtakt den bösen Frank und der Sohn ändert das Spiel, um seinen Vater darin treffen zu können. Happy End!

Nicht vorhandenes und falsches Marketing

Die Synopse zu Im Netz der Versuchung hört sich schon reichlich beknackt an – könnte aber immer noch zu einem sehenswerten Film (oder auch einem an der Kinokasse erfolgreichen) führen. Was ist nun aber (über die sonderbare Story hinaus) schiefgegangen bei diesem Mindfuck/Thriller?

Anne Hathaway Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Verleih Aviron Pictures steckte nach desaströsen Testscreenings und Vorab-Filmkritiken (fast) kein Geld in die Marketing-Kampagne, was die Stars McConaughey und Hathaway erzürnte. Aviron Pictures ließ verlauten: „[…] bedauerlicherweise zeigten die Daten, dass der Film nicht in der Lage sein würde, unsere anfänglichen Erwartungen zu erfüllen. Daher passten wir unser Budget und unsere Marketing-Bemühungen entsprechend an.“

Davon einmal abgesehen hätte es jedoch sicherlich auch geholfen, die vorhandene Promo wie das Filmplakat entsprechend anzupassen. Wenn man Im Netz der Versuchung als romantischen Thriller, als „sexy Noir“ mit Anne Hathaway und Matthew McConaughey vermarktet, dann erwarten die Zuschauer selbstverständlich auch solch einen Film. Selbst wenn man als Verleih wenig Geld in die Werbung steckt, sollte diese wenigstens den Film richtig wiedergeben und die (potenziellen) Zuschauer nicht so in die Irre führen!

Im Netz der Versuchung: Die Kritik zum Mindfuck

Dabei kann man sich als Zuschauer einer eigentümlichen Faszination beim Schauen dieses Films eigentlich gar nicht erwehren…

Zugegeben: Die Dialoge kommen oft gestelzt, unnatürlich oder schlicht dämlich rüber. So sagt etwa Matthew McConaughey einmal: „Real, nicht real, ist mir scheißegal.“

Matthew McConaughey Diane Lane Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Auch bei Figurenzeichnung und Schauspiel gibt es noch deutlich Luft nach oben. Anne Hathaway kommt etwa als wandelndes Klischee einer für den Film Noir so typischen Femme fatale rüber – wenn sie nicht gerade eine missbrauchte Jungfrau in Nöten darstellt.

Auch Jason Clarke besticht in der Verkörperung des Monsters Frank mit einem gloriosen, an die Parodie grenzenden Overacting – das dem talentierten Darsteller auch sichtlich Spaß zu machen scheint.

Auch das Setting im tropischen Inselparadies ist durchaus cool. Wer schaut denn nicht gerne schönen Menschen vor traumhaften Kulissen dabei zu, wie sie Eifersüchteleien austragen und Morde planen?

Verschenkter Mindfuck

Und trotzdem: Aus der Prämisse „Alles ist eine Simulation“ lässt sich schlicht noch so viel mehr herausholen. Nirgendwo steht etwa geschrieben, dass ein Mindfuck-Film VOR dem großen Twist so eintönig, Klischee-beladen und unglaubwürdig sein muss wie Im Netz der Versuchung.

Hier gab es etliche Möglichkeiten für Regisseur Steven Knight, mehr aus seinem Szenario zu machen. So hätte der Schöpfer und Autor beliebter Serien wie Peaky Blinders und Taboo (ebenfalls auf Amazon Prime verfügbar!) etwa die Andeutungen des Twists früher und deutlicher streuen können.

Matthew McConaughey Serenity Im Netz der Versuchung
© Universum Film/ Aviron Pictures

Und auch nach dem großen Wegreißen des Vorhangs geht es in Im Netz der Versuchung zuweilen ziemlich fade und fantasielos weiter – auch an diesen späteren Stellen ließe sich noch etwas aus dem Film herausholen!

Aber wer hier eigentlich genau an was Schuld trägt, lässt sich gar nicht mehr so präzise feststellen. Das größte Versäumnis muss man wohl dem Verleih Aviron Pictures anlasten, der definitiv auf die Plakate hätte schreiben sollen: „Seht den neuen Mindfuck mit Matthew McConaughey – dieser Twist wird euch umhauen!“ – oder so ähnlich. Dennoch: Im Netz der Versuchung ist durchaus faszinierender Edel-Trash!