Rick and Morty Staffel 4, Episode 6: Review

Rick and Morty Staffel 4, Episode 6: Review

13. Mai 2020 Aus Von Robert Laubenthal

Die geniale Sci-Fi-Comedy Rick and Morty kehrt – nach halbjähriger Pause – mit der zweiten Hälfte von Staffel 4 auf die Bildschirme zurück. Und gleich im ersten Abenteuer Lug und Trug im Zug kriegen es der geniale Wissenschaftler Rick und sein tollpatschiger Enkel Morty mit einem veritablen Mindfuck zu tun. Lies hier unsere Review zu Rick and Morty Staffel 4, Folge 6.

Der „Schwebende Blutmann“, Evil Morty und der feministische Bechdel-Test – ganz eindeutig: Die Episode Lug und Trug im Zug der allseits beliebten Sci-Fi-Comedy-Serie Rick and Morty ist ziemlich komplex. Dabei scheint alles zunächst so harmlos zu beginnen: Unsere Helden Rick und Morty befinden sich in einem Zug – im Weltraum.

Eine weitere Anthologie..?

Die gewohnt ulkigen, Rick and Morty-typischen Aliens erzählen sich im Zug Geschichten über den berühmtesten Nihilisten des Multiversums. Frustrierte Exfreundinnen Ricks teilen etwa ihr Leid, oder der zuckersüße, lilane Goomby (bitte mehr von ihm in Zukunft!) berichtet, wie Rick ihn einst an Weihnachten in der Kälte zurückließ – schockierend!

Die Zuschauer der Episode sehen diese Geschichten zunächst und der Verdacht drängt sich auf, dass es sich bei Lug und Trug im Zug schlicht um eine weitere Anthologie-Episode à la Interdimensionales Fernsehen oder Kopfkino handelt.

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Doch dieser erste Eindruck täuscht!

Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler zur Handlung der Episode Lug und Trug im Zug!

Mörderische Rahmenhandlung

Schnell wird nämlich klar, dass die Ebene des Zuges (quasi die Rahmenhandlung der Einzel-Geschichten) von hoher Bedeutung ist. Der Herr über den Zug heißt Story Lord und residiert in der Lok des Story Trains. Er ist der Bösewicht der Handlung und ihn müssen Rick und Morty besiegen.

Um die Lok und Story Lord zu erreichen, gilt es für Rick und Morty, verschiedene Abenteuer innerhalb des Zuges zu bestehen. Sie kämpfen etwa erst gegen den „Fahrkarten-Typen“, den Schaffner, der von Rick in zwei Hälften geteilt wird und dessen obere Hälfte dann außerhalb des Zuges schwebt (dazu später mehr).

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Dann kämpfen Rick und Morty gegen „Zug-Polizisten“ und müssen schließlich an einem „thematischen Siegel“ vorbei, welches den Zugang zur Lok und damit zum Hauptbösewicht verschließt.

Man kann also sagen: In der Rahmenhandlung der Anthologie-Episode müssen Rick und Morty ein straightes, lineares Abenteuer bestehen. Sie kämpfen sich – wie in der genialen Dystopie Snowpiercer – nach vorne durch den Zug.

Dan Harmon spricht

In einem „Inside the Episode“-Clip zur Folge sprechen die Autoren Dan Harmon und Jeff Loveness über die ganz besondere Struktur von Lug und Trug im Zug.

Bei Lug und Trug im Zug wollten sie nämlich, so Harmon und Loveness, unbedingt eine klassische Anthologie vermeiden, denn in Anthologien zögen die einzelnen Geschichten keine Konsequenzen nach sich.

Vielmehr geht Rick and Morty Staffel 4, Episode 6 von der Prämisse aus: Was wäre, wenn man in einer Anthologie gefangen ist?

In der Mechanik des Storytellings

Gleichzeitig lässt sich Lug und Trug im Zug lesen als ein Meta-Kommentar über das Storytelling an sich. Die Episode zeigt die (üblicherweise verborgene) Mechanik des Geschichten-Erzählens.

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Rick stößt auf den obigen Plan des Zuges. Dieser Kreis sieht aus wie ein Schema der klassischen „Hero’s Journey“ (auf Deutsch: Heldenreise), die vielen populären Geschichten zugrunde liegt: Der Held erkennt eine verborgene Wahrheit über die Welt und sich selbst. Er oder sie verlässt die anfängliche statische Situation, erlebt Abenteuer, überwindet Hindernisse und schließlich – nach dem großen Finale – kehrt in der Welt der Geschichte eine neue statische (dieses Mal zufriedenstellende) Situation ein. Das Böse ist besiegt.

Nur mutet es selbstverständlich etwas absurd an, wenn sich Figuren innerhalb einer Erzählung den Plan von dieser, gewissermaßen die Blaupause, selbst anschauen. Normalerweise wissen die Figuren einer Geschichte natürlich nichts über die Struktur, in der sie sich befinden!

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Auch an anderen Stellen der Episode hagelt es Meta-Kommentare übers Erzählen: So entwirft Rick etwa für Morty einen Raumanzug, dessen Sauerstoffversorgung an einem entscheidenden Punkt versagen wird. Dies steigert die Spannung und ein Countdown beginnt zu ticken – genau wie bei einer Bombe mit Zeitzünder, die ein Held entschärfen muss.

Selbstverständlich ist es sehr absurd, wenn sich Figuren ihre Hindernisse selbst schaffen! Das Ganze ist sehr „Meta“ (und wahnsinnig unterhaltsam)!

Der Bechdel-Test

Kurz bevor sie Story Lord erreichen, müssen Rick und Morty ein „thematisches Siegel“ durchbrechen, welches den Zugang zur Lok und zum Haupt-Bösewicht der Episode versperrt. Rick fordert Morty auf, eine Geschichte zu erzählen, die nichts mit dem Thema der Episode zu tun hat, um das Siegel zu überwinden.

Und das Thema der Episode von Rick and Morty lautet selbstverständlich Rick und Morty!

Morty schafft dies und gibt folgende grandios-lustige Geschichte zum Besten:

Hierbei handelt es sich um eine (vermeintlich) feministische Geschichte, da sie den sogenannten Bechdel-Test besteht. Dieser besagt, dass sich zwei weibliche Charaktere mit Namen über etwas anderes als Männer unterhalten müssen.

Das mutet sehr simpel an und scheint keine hohe Hürde darzustellen, doch die besondere Ironie des Bechdel-Tests besteht darin, dass nur sehr wenige populäre Geschichten diesen Test auch wirklich bestehen! Unsere populären Geschichten sind (bedauerlicherweise) voller Sexismus!

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Und selbstverständlich ist dies – im Kontext der Episode – auch wieder ein Witz. Der Joke hier ist, dass Rick and Morty vermeintlich nicht feministisch sind.

Evil Morty – Ausblick aufs Ende?

Als Story Lord dann im Führerhaus des Story Trains zukünftige Geschichten aus Rick und Morty extrahiert, gibt es auch ein Wiedersehen mit „Evil Morty“, in dem viele Fans den finalen Bösewicht der Serie vermuten.

In einem Game of Thrones-mäßigen, epischen Finale steht Evil Morty mit einer Armee von Ricks, Gazorpazorps (Staffel 1, Episode 7), Meeseeks (S 1, E 5) sowie einem bösen Mr. Poopybutthole (S 2, E4), der aussieht wie ein Sith Lord, vor der Zitadelle der Ricks. Rick und Morty verzweifeln angesichts dieser Übermacht, aber sie können Jesus Christus zur Hilfe rufen, der sie rettet.

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Doch alle diese Geschichten geschehen nicht wirklich und sind kein Ausblick in die Zukunft von Rick and Morty! Vielmehr bedient sich Story Lord lediglich am Geschichten-Potenzial von Rick und Morty, an Stories, die potenziell in ihnen stecken!

„Schwebender Blutmann“ erklärt

Viele Zuschauer der Episode Lug und Trug im Zug dürften sich fragen, was genau es mit dem (halbierten) Schaffner des Zuges, auch bekannt als „Schwebender Blutmann“ (bzw. vor seiner Zweiteilung „Fahrkarten-Typ“), auf sich hat. Hier die Erklärung im Schnelldurchgang:

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

„Schwebender Blutmann“ kontrolliert im Zug die Tickets, wird von Rick im Kampf halbiert und seine obere Hälfte schwebt dann – sterbend – außerhalb des Zuges. Die Welt außerhalb des Zuges gehört allerdings nicht zur Anthologie von Story Lord.

Vielmehr handelt es sich beim Äußeren um eine „nicht-diegetische Realität“ gleich etwa Filmmusik, die zwar die Zuschauer hören, aber nicht die Figuren im Film oder der Serie. Rick sagt über „Schwebenden Blutmann“: „Er ist ungläubig. Er stirbt langsam, während er eine alternative, nicht-diegetische Realität lebt.“

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Alles, was man dann weiter vom „Schwebenden Blutmann“ sieht, spielt sich in dessen Kopf ab. Zunächst erwacht er selbst aus einer Simulation und befindet sich in der Spielhölle aus der Episode Fünf Tage bis Mortynacht. Doch hier zerreißt es ihn und seine obere Hälfte schwebt in der Luft (daher stammt der Name).

Die beiden oben abgebildeten, kiffenden und lustig aussehenden Aliens befinden sich ebenfalls nur im Kopf von „Schwebender Blutmann“. Ihr Universum ist lediglich seine Vorstellung. Als Morty „Schwebenden Blutmann“ endlich erlöst, indem er ihn erschießt, verschwindet auch das Universum des oben zu sehenden Pärchens!

Alles findet in einem Spielzeug-Zug statt!

Und nun kommt der Mega-Twist von Lug und Trug im Zug: Nicht nur haben wir es hier mit einer Anthologie zu tun, deren Rahmenhandlung bedeutsam ist. Nicht nur hagelt es Meta-Kommentare zum Storytelling. Nein, alles, was Zuschauer in der Episode gesehen haben, spielt sich innerhalb eines Spielzeug-Zuges ab! Wow!

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Rick bemerkt dies, als er die Kontrolle über den Zug übernehmen möchte: Die Anzeigen und Steuerelemente im Führerhaus des Story Trains sind nur Attrappen. Nichts ist echt.

Wir sehen die echten Rick und Morty in ihrem Wohnzimmer. Sie bewundern den Story Train, den Morty für Rick im Geschenkeladen in der Zitadelle der Ricks gekauft hat. Es ist ein magischer Zug, ein unterhaltsames Spielzeug. Und alles, was davor geschah, passierte nicht wirklich.

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Mit diesem letzten, größten Twist haut Lug und Trug im Zug seine Zuschauer endgültig völlig von den Socken.

Auch bedeutet diese letzte Wendung, dass wirklich nichts von dem, was vorher zu sehen war, irgendwie Kanon wäre oder etwas mit der (Haupt-)Handlung von Rick and Morty zu tun hat (wie etwa das große Finale mit Evil Morty im GoT-Style).

Die gesamte Episode war letztlich nur eine Illustration davon, wie gut der Story Train ist. Ja, man könnte sich sogar fragen:

War die ganze Episode nur eine Werbung für den Story Train?

Die Vermutung liegt nahe, dass die gesamte Folge Lug und Trug im Zug lediglich eine Werbung für den Story Train darstellt. Dies suggeriert zumindest die Postcredit-Szene der Episode, die tatsächlich eine buchstäbliche Werbung für diesen Zug ist!

Mit endgültiger Sicherheit lässt sich das allerdings nicht feststellen! Jedoch untermauert das Verhalten des „echten Ricks“ (der mit Morty im Wohnzimmer sitzt und sich den Story Train anschaut) diese Vermutung.

Never Ricking Morty Rick and Morty Lug und Trug im Zug
© The Cartoon Network/Sky/Netflix

Denn dieser „echte Rick“ schwärmt Morty gegenüber von den Vorzügen des Kapitalismus. So sagt Rick Sätze wie: „Gott, ich liebe Geld so sehr.“, oder: „Das einzige Ziel im Leben ist es, Merchandise zu konsumieren.“, oder: „Du hast in den blutigen Rachen des Kapitalismus geschaut und gesagt: ‚Ja, Daddy, bitte.‘“

Das ist sehr lustig, allerdings auch total untypisch für Rick, der wahrlich bisher nicht als Verfechter von Konsum in Erscheinung getreten ist! Wenn der „echte Rick“ innerhalb der Episode dazu aufruft zu kaufen und speziell auch den Zug zu kaufen, dann könnte es sich auch um die Parodie einer Werbung handeln.

Die Kritik zu Lug und Trug im Zug

Auf virtuose Art kehrt die Serie Rick and Morty mit der Episode Lug und Trug im Zug auf die Bildschirme zurück. Allein die vielen Wendungen der Geschichte wie die Erkenntnis, dass sich alles zuvor Gesehene innerhalb eines Spielzeug-Zuges abspielt, sind schlicht atemberaubend.

Darüber hinaus nehmen Dan Harmon und Co. ihre Fans und Zuschauer ordentlich auf die Schippe – wie etwa mit dem Fake-Evil-Morty-Ende, welches bereits im (unten zu sehenden) Midseason-Trailer angeteasert wurde, sich jedoch in Lug und Trug im Zug lediglich als eine Anthologie-Geschichte unter vielen entpuppt.

Statt schlicht das Interdimensionale Fernsehen oder die Episode „Kopfkino“ zu wiederholen, demonstrieren die Serienmacher mit der innovativen Anthologie-Episode einmal mehr, dass sie Rick and Morty dauerhaft und verlässlich neu erfinden und dabei immer frei und überraschend bleiben.