The Sinner Staffel 3: Das explosive Ende erklärt, Ambrose-Darsteller Bill Pullman liefert Einblicke

The Sinner Staffel 3: Das explosive Ende erklärt, Ambrose-Darsteller Bill Pullman liefert Einblicke

2. Juli 2020 Aus Von Robert Laubenthal

The Sinner Staffel 3 bietet eine düstere, angespannte Geschichte um Hauptfigur Jamie, der sich in einer veritablen Existenzkrise befindet. Lest hier unsere Interpretation des Finales von Staffel 3 sowie, was Darsteller Bill Pullman über seine Figur Harry Ambrose enthüllt.

Mit The Sinner Jamie legt Netflix die dritte Ausgabe seiner überaus populären, psychologisch angehauchten Crime-Serie vor. Detective Ambrose (Bill Pullman) kriegt es dieses Mal mit einem wahrlich faszinierenden und gestörten Charakter zu tun: dem allseits beliebten Highschool-Lehrer und werdenden Vater Jamie Burns (Matt Bomer), der sein scheinbar perfektes Leben Schritt für Schritt zerlegt, bis es kein Zurück mehr gibt.

Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler zur Handlung und zum Finale von The Sinner Staffel 3!

The Sinner Staffel 3: Das Katz-und-Maus-Spiel bis zum finalen Showdown

Ganz am Ende von The Sinner Staffel 3 stellt der ermittelnde Detective Harry Ambrose den – zu dem Zeitpunkt – dreifachen Mörder Jamie Burns, der zudem noch Eli (Luke David Blumm), den erst zehnjährigen Enkel des Polizisten, entführt hat.

Jamie leidet unter Wahnvorstellungen. Er halluziniert seinen verstorbenen Freund, Mentor und Guru Nick (Chris Messina) herbei, und glaubt, dieser verlange von ihm, Morde zu begehen.

© USA Network/ Netflix

Hinter all dem steckt Nicks perverse, zynische Überlegenheits-„Philosophie“ – eine Mischung aus Friedrich Nietzsche („Übermensch“), C.G. Jung und dem Zufalls-Prinzip.

Zudem fühlt sich Jamie von Detective Ambrose verraten: Der gewiefte Ermittler hatte sich in das Vertrauen des Mordverdächtigen geschlichen und sich zuletzt sogar von diesem bei lebendigem Leib begraben lassen – nur um dann heimlich ein Geständnis aufzunehmen und Jamie hinter Schloss und Riegel zu bringen.

Die Verbindung von Harry Ambrose und Jamie Burns

Ganz eindeutig empfindet Harry Ambrose eine Verbindung zum Tatverdächtigen, wie auch Darsteller Bill Pullman (Lost Highway) im Interview mit der New York Times erwähnte: „Jamie ist Ambrose sehr ähnlich, und in beiden schlummert etwas Dunkles, das ein Gegebenes zu sein scheint.“

© USA Network/ Netflix

Verbunden seien die beiden Männer Pullman zufolge durch „eine Art Selbstverachtung“ sowie durch ein „geteiltes Gefühl dafür, was es bedeutet, einsam zu sein.“

Die Erklärung des Endes von The Sinner Staffel 3

Im großen Showdown stellt Detective Ambrose einen komplett entfesselten Jamie Burns in seinem eigenen, abgelegenen Haus. Jamie hält dort den Enkel des Polizisten gefangen und hatte angekündigt, diesen ermorden zu wollen.

Doch Eli kann nach einem Gerangel der beiden Männer fliehen. Sie kämpfen weiter und schließlich haben beide eine Waffe in der Hand. Jamie legt seine Pistole nieder und fordert den Detective auf: „Na los, rufen sie Verstärkung!“

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Aus Jamies Sicht ein schwerwiegender Fehler, denn ohne Not versetzt Ambrose seinem Widersacher einen letztlich tödlichen Bauchschuss. Der Detective wirkt erstaunt und verwundert ob seines eigenen Verhaltens.

Bill Pulmann im Interview hierzu: „Es ist ein impulsiver Moment, der Ambrose selbst überrascht.“

Warum erschießt Detective Ambrose Jamie Burns?

Den Spekulationen unter The Sinner-Zuschauern ist in der Folge Tür und Tor geöffnet: War dieser Schuss nötig? Fühlte sich Ambrose trotz der offensichtlichen Überlegenheit bedroht vom unberechenbaren Mörder? Oder provozierte Jamie den Polizisten durch sein bohrendes, nimmermüdes Verhalten dazu zu schießen?

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Ein wenig Licht ins Dunkel bringen hier womöglich die Aussagen von Jamie Burns bezüglich der unterlassenen Hilfeleistung beim Tod seines Mentors und Studienkollegen Nick. Dem Detektiv gegenüber erklärt Jamie nämlich, dass Nicks Tod für ihn eine Erleichterung darstellte. Es war ihm nicht anders möglich, sich aus der toxischen, von Manipulation und Dominanz geprägten Beziehung zu lösen.

Könnte der Schuss auf Jamie Burns dann doch beabsichtigt gewesen sein? Darsteller Bill Pulmann widerspricht dieser Vermutung zumindest nicht. Im Interview erwähnt der Schauspiel-Veteran: „Jamie repräsentiert sein ‚Schatten-Selbst‘“ – das Uneingestandene, Verdrängte in Ambroses Persönlichkeit.

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Gleich Jamies fahrlässiger Tötung von Nick könnte sich Detective Ambrose hier also von der unliebsamen, ungewünschten Anwesenheit von Jamie Burns befreit haben – beinahe eine Art Teufelsaustreibung.

Will Detective Ambrose Jamie Burns sterben sehen?

Die starke Verbindung der beiden Männer erklärt auch, warum Harry Ambrose um den sterbenden Jamie trauert.

Doch eine weitere, beinahe ungeheuerliche Vermutung drängt sich im Finale von The Sinner Staffel 3 auf: Detective Ambrose ruft sogleich – anders als Jamie bei Nick – Rettungskräfte herbei. Er will Jamies Leben retten, doch wird Ambrose auch klar, dass die Hilfe höchstwahrscheinlich zu spät kommen wird.

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Nun sorgt der Detective für ein wenig Komfort des Angeschossenen, legt ihm ein Tuch unter den Kopf und fleht ihn geradezu an, ihm in die Augen zu schauen. Der Polizist tröstet den schwerverletzten Jamie.

Aber ist das wirklich alles, was Ambrose in diesem Moment tut? Ein wesentlicher Bestandteil von Nicks Lehren war es, einen Menschen zu töten und diesem Mord gleichsam beizuwohnen, das „Erlöschen der Seele“ wahrzunehmen.

© USA Network/ Netflix

Darum hoben Jamie und Nick ein Grab auf dem Grundstück von Künstlerin Sonya Barzel (Jessica Hecht) aus. Nick erklärt dem verdutzten Jamie in einer Rückblende: „Man muss dem Tod ins Auge sehen. Sobald du das getan hast, bist du frei.“

Zwar wird dies in The Sinner Staffel 3 niemals zweifelsfrei deutlich, doch was tut Detective Ambrose strenggenommen anderes, während er dem sterbenden Jamie den Kopf streichelt und dabei die ganze Zeit Augenkontakt mit ihm hält?

© USA Network/ Netflix

Womöglich erklärt sich so auch die finale Szene von The Sinner Jamie, in der Malerin Sonya ihren neuen Partner Harry Ambrose fragt: „Wie war er, als es zu Ende ging?“

Ambrose entgegnet: „Er hatte Angst“, und beide brechen in Tränen aus. Dies scheinen jedoch – eine sicherlich gewagte Interpretation – nicht nur Tränen über den Tod Jamies zu sein, sondern die beiden betrauern womöglich auch die schreckliche Tatsache der menschlichen Existenz: die Sterblichkeit.

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Nietzsche)

© USA Network/ Netflix

So oder so: Das Verhältnis von Harry Ambrose und Jamie Burns war von starker Ambivalenz und einer aus Ambroses Sicht verwirrenden, widersprüchlichen Empathie dem Mörder gegenüber geprägt. So lassen sich die finalen Szenen von The Sinner Staffel 3 dann wohl auch nicht endgültig und komplett zufriedenstellend auflösen.

In diese Richtung äußert sich auch Serienschöpfer und Showrunner Derek Simonds, der im US-Magazin IndieWire erklärte: „Ich möchte den Menschen mit dieser Geschichte keinen einfachen Ausweg liefern. … [Jamie] bleibt eher ein Knoten als eine Lösung.“